Das Ölschieferskelett

Buchumschlag: Das Ölschieferskelett
Das Ölschieferskelett
Roman, 480 Seiten
Ammann Verlag, Zürich, 1996
Phantastik-Preis
der Stadt Wetzlar, 1996
Kurd Laßwitz Preis
Bester Roman (3. Platz), 1996

Rezensionen

Die ZeitDie WeltZittyFAZ

Die Zeit vom 4.10.1996

Urmensch mit Armbanduhr
Zwei Romane kombinieren Science mit Fiktion. Damit liegen sie im Trend.

Von Andreas Sentker

Rotlicht über der Tür im Hörfunkstudio: "Achtung Aufnahme". Der Bayerische Rundfunk, Redaktion Wissenschaft, hat Winfried Henke eingeladen, einen Anthropologen und Neandertaler-Experten von der Universität Mainz. Thema des Gesprächs im Wissenschaftsmagazin Radias ist das "Tal des Lebens", ein Roman, in dem es von Neandertalern nur so wimmelt.

Der amerikanische Journalist John Darnton hat das Buch geschrieben, ein urgeschichtliches Science-fiction-Szenario: Im Pamirgebirge haben sie überlebt, jene ungehobelten Unholde aus dem Tal bei Düsseldorf. Ein Schädel und ein verschwundener Professor führen auf ihre Spur. Und kaum wird die Entdeckung bekannt, schon sind die Forscher den frühen Menschen auf den Fersen, um jene Fragen aller Fragen ein für allemal zu lösen: Wie primitiv waren sie nun wirklich, unsere fernen Verwandten - dumpfe Gestalten oder edle Wilde? Waren sie unsere Vorfahren, oder starben sie - urgeschichtliche Vettern - schließlich aus?

Russen und Amerikaner wetteifern in Darntons Buch um wissenschaftliche Ehren - kalter Krieg im Feldlabor. Aus dem Pulk der amerikanischen Forscher ragen zwei heraus. Er, der strahlende Held, vom Leben in Afrika gestählt, die Haut wettergegerbt. Frauen interessieren ihn nicht mehr. Nur dann und wann rückt ihm eine junge Studentin bedenklich nah. Ansonsten aber zählen nur noch die Weite der Savanne und natürlich die Geschichte der Menschheit. Doch die wissenschaftliche Eremitage ist bald beendet. Auftritt die Heldin, ein schöner Schöngeist, mit scharfem Verstand und "rabenschwarzem Haar", "straffen Brüsten" und "jugendlicher Figur". Ehedem waren sie ein Paar, das Leben und die Wissenschaft haben sie entzweit, nun kommen sie, der Wissenschaft wegen, wieder zusammen.

Sehen so Forscher aus, Herr Henke? Schade, das interessiert den Interviewer vom Bayerischen Rundfunk nicht. Statt dessen darf Winfried Henke angestrengt darüber nachdenken, ob in Darntons Buch ein Fünkchen Wahrheit enthalten sein könnte. Schließlich verbannt er die Geschichte in das Reich der Fabel. Selten werden Gegensätze so deutlich: Pop-Science made in America und ein deutscher Forscher im Hörfunkstudio, ernst, gediegen und bedacht.

"Tal des Lebens" ist Fiktion in jeder Hinsicht. Dennoch hat John Darnton sorgfältig recherchiert. Der Korrespondent der New York Times hat die Werke von Erik Trinkaus studiert, dem wohl erfahrensten Neandertaler-Forscher der Gegenwart. Wichtige Passagen seines Manuskripts hat Chris Stringer, Anthropologe am Londoner National History Museum, gegengelesen. Aus Sicht der Wissenschaft stimmt fast alles an diesem Buch.

Und doch bleibt im Tal des Lebens die Forschung auf der Strecke. Neben ernstzunehmenden Debatten greifen die Pseudowissenschaften Raum. Das Buch will alles zugleich sein: Abenteuer- und Liebesroman, Science-fiction- und Agententhriller, eine wilde Mischung. In Amerika kommt so etwas an. Die Filmrechte sind längst verkauft: Eine Million Dollar waren sie Steven Spielberg wert. Bald werden also Neandertaler über die Leinwand schwanken, den Knüppel fest in der haarigen Hand. Mit leicht gebeugtem Gang sollen sie dem Erfolg der Dinosaurier nacheilen. "Jurassic Park" oder Neandertal, Urgeschichte macht im Kino Kasse. Forscher werden zu Filmhelden.

Es geht aber auch umgekehrt. Ein tschechoslowakischer Staatsfilm hat Bernhard Kegel zum Biologiestudium und schließlich auch zu seinem Buch "Das Ölschieferskelett" inspiriert. Karel Zeman hatte 1955 eine "Reise in die Urwelt" verfilmt, Dinomanie lange vor der Ära Spielberg. Ein Experte für Spezialeffekte mag angesichts der technischen Möglichkeiten jener Zeit müde lächeln. Vielleicht aber kann ihn der Phantasiereichtum früher Fiction-Filmer auch beeindrucken. "Eine tricktechnisch interessante Produktion, die ihr pädagogisches Anliegen mit einer originellen und spannenden Spielhandlung verbindet", befand jedenfalls der katholische Filmdienst, als das Werk in die deutschen Kinos kam. Ähnliches läßt sich auch über Kegels Buch sagen.

Das "Ölschieferskelett" wird aus der Grube Messel in Südhessen geborgen, die Überreste eines Menschen, eingebettet in einen fünfzig Millionen Jahre alten Gesteinsblock. Helmut Axt, der Messeler Grabungsleiter, steht am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Ein Mensch mit Armbanduhr und Zahnkronen liegt zwischen Krokodilen, Fledermäusen und Urpferdchen und stellt das wissenschaftliche Weltbild auf den Kopf.

Kegels "Ölschieferskelett" ist kaum weniger fiktiv als Darntons Neandertaler-Epos. Doch anders als dem Amerikaner gelingt dem deutschen Biologen ein ebenso präziser wie intimer Einblick in die Alltagswelt der Forscher. Kenntnisreich schildert Bernhard Kegel Konkurrenz und Kumpanei in der Wissenschaft. Und ganz nebenbei macht er seine Leser mit den Träumereien, den Gedankenspielen wie den Grenzen der paläontologischen Forschung vertraut. Ist die Evolution sprunghaft oder gemächlich verlaufen? Was läßt sich angesichts weniger Puzzlestücke über das prähistorische Weltbild aussagen? Was ist Tatsache, was Spekulation? Mit erstaunlicher Leichtigkeit läßt Kegel seine Protagonisten die Fragen der Paläontologie diskutieren. Neben die leicht durchschaubare Fiktion tritt - eindrucksvoll realistisch gezeichnet - der Alltag, neben das Abenteuer, das auch bei Kegel nicht fehlen darf, die ermüdende Routine paläontologischer Arbeit. Weniger die Phantastik der Schilderung, vielmehr die Präzision kleiner Beobachtungen macht das Buch lesenswert.

Das "Tal des Lebens" und das "Ölschieferskelett" sind nur zwei der aktuellen Romane, in denen Naturwissenschaftler eine Hauptrolle spielen. Neben den Paläontologen und Paläoanthropologen bevölkern Physiker (Marco Lalli: Die Himmelsleiter", Verlag Klöpfer und Meyer) und Tropenforscher (Amitav Gosh: "Das Calcutta-Chromosom", Karl Blessing Verlag) die literarische Szene. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Labors und Forschungsinstitute werden, gründlich entstaubt, zu Schauplätzen, Wissenschaftler zu Darstellern. Und anders als zuvor sind sie nicht zufällig Forscher, weil auch Romanfiguren nun mal einen Beruf haben, Buchhalter, Handelsvertreter oder eben Paläontologen sind. Ihr Tun und Denken steht im Mittelpunkt der Geschichten, Wissenschaft ist hoffähig geworden. Auch dieses Jahr läßt sich auf der Frankfurter Buchmesse wieder ein Trend beobachten, der sich schon seit einigen Jahren abzeichnet: Der Sachbuchmarkt wächst. Und längst haben Neandertaler und Urpferdchen, Positronen und Parasiten das ihnen angestammte Terrain verlassen. Eines dürfen sie nun beweisen. So staubtrocken manche Theorie, so abschreckend manches Gedankengebäude erscheinen mag, Wissenschaft kann spannend sein.

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Die Welt vom 12.2.1996

Die Reise zum Ötzi im Ölschiefer

Von Max Herrmann

Im Tertiär ist der Teufel los. Und wie üblich hat er Menschengestalt. Die genau dürfte er allerdings vor gut 50 Millionen Jahren nun wirklich nicht gehabt haben. Weswegen Dr. Helmut Axt, Leiter der Grube Messel, seinen allerlei Ausgestorbenes gewöhnten Augen auch nicht traut, als er zwischen seinen altbekannten Urpferdchen, zwischen fossilierten Fischen, Farnen und Fledermäusen ein höchst menschliches Skelett findet mit Diamantzahn im Gebiß und einer Uhr am Handgelenk. Auch wenn er es gern wollte, Axt träumt nicht: Der Ötzi im Ölschiefer existiert, jedenfalls in der skurrilen Phantasie des Berliners Bernhard Kegel.

Das "Ölschieferskelett" ist der zweite Roman des 42jährigen promovierten Biologen. Und abgesehen davon, daß in der Welt des Dr. Axt nicht ein einziger Dinosaurier auftaucht - Axt begegnen nur modische Dino-Semmeln oder Dino-Frikadellen - besteht Kegel darauf, lange vor Michael Crichtons "Dino Park" auf den Einfall zu einer Zeitreise in die Erdgeschichte gekommen zu sein. Kegels Schöneberger Ein-Mann-Literatur-Labor unterscheidet sich zwar radikal von Crichtons kalifornischer Mehr-Personen-Werkstatt, die Ansätze aber ähneln sich. Auch Kegel hat kaum Ambitionen, in die Literaturgeschichte einzugehen. Weil eben Forschung "unser Leben heute derartig prägt" und man mit Fachbüchern nur einen engbegrenzten Leserkreis erreicht, versucht der Berliner, der fünf Jahre an einer Bestandsaufnahme der Berliner Naturschutzgebiete mitgearbeitet hat, erzählerisch Wissenschaft zu vermitteln. Unterhaltung bleibt allerdings höchstes Ziel, selbst wenn Kegel seinem jeweiligen Thema "intensiver auf den Leib rücken" will als Crichton. Und mit seiner aus allerlei Quellen von Verne bis zu Karel Zemans Film "Reise in die Urwelt" gespeisten Paläontologie-Kolportage erreicht er es ähnlich wie in "Wenzels Pilz", seinem Erstling von 1993.

Mit ihm hatte der hagere Freizeitgitarrist Kegel der Zeitreise in die reale Vor-Vergangenheit eine bitter-satirische Ökokomödie vorausgeschickt, einen Bericht aus der näheren Zukunft. Die Welt - nicht nur die wissenschaftliche - gerät schon dort aus den Fugen. Und schon dort wirft Bernhard Kegel einen beklemmenden Blick hinter die Kulissen der Forschung - darauf, wie sich in der Informationsgesellschaft das Verhältnis der Wissenschaftler zum Dasein ändert: "Wie verschiebt sich in den Köpfen die Einstellung zum Leben, wenn Gentechnik alltäglich wird. Die Organismen selbst als lebendige Wesen verlieren doch immer mehr an Bedeutung. Genetisches Material wird zunehmend als bloß manipulierbare Information betrachtet."

Und so denkt Kegel in "Wenzels Pilz" aktuelle Freisetzungsexperimente konsequent in (vermutlich gar nicht) absurde Zustände weiter. So wohlfeil sich gentechnisch veränderte Lebewesen oberflächlich auch benutzen lassen, lehrt Kegels "Pilz", so ungewiß ist die Reaktionsweise des komplexen Systems Umwelt auf sie. Am Ende, warnt Kegel, könnte die Industrie doch bloß eine Natur fabrizieren, "die den Menschen immer ähnlicher wird, die sie gemacht haben: maßlos, gierig und fordernd." Ein Wissenschaftsoptimist ist Kegel kaum. Denn ebenso wenig wie die Menschheit mit der Konzeption der Zukunft fertig wird, wird sie es mit der Rekonstruktion der Vergangenheit. Die Paläontologen unternehmen, so Kegel, den von geradezu rührender Hilflosigkeit geprägten Versuch, mit versprengten (Fossil-)Buchstaben die Vor-Geschichte zu erzählen. Und da es keine endgültigen Antworten gibt, spiegelt sich im Stand der Interpretation dieser urweltlichen Schriftzeichen der Stand der Gesellschaft. So wird, weil eben "jede Epoche sich die Evolutionstheorie schafft, die ihr am besten paßt", die Reise des Dr. Axt via einer slowakischen Höhle in die Urzeit zur Besichtigungstour der wissenschaftlichen Gegenwart. Und in der sind eben auch die Teufel los.

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Zitty 5/96

Evolution und Phantasy
Bernhard Kegel: Schriftsteller, Käferforscher, Musiker

Gemessen am Alter der Erde ist der Mensch ein erst "kürzlich" aufgetretenes Phänomen. Wie war die Welt vor 50 Millionen Jahren? Bei einer literarischen Entdeckungsfahrt in die Urzeit macht Bernhard Kegel für uns den Reiseführer.

Den Reisebericht schrieb Bruno Preisendörfer

Hinter der Höhle beginnt die Urzeit. Riesige Brontotherien mit Y-Hörnern auf dem Kopf walzen rund um die Wasserstelle alles nieder, gewaltige Schaufelzähner zermalen gemächlich Zentner von Grünzeug, wahre Ungeheuer von Vögeln suchen die Gegend nach Mahlzeiten ab. Im Licht schwirren die Käfer, rot wie Rubine, grün wie Saphire, blau wie Opale.

Durch eine Höhle, die wie eine Zeitschleuse. funktioniert, reisen Tobias, Micha, Claudia und der Pinscher Pencil um Jahrmillionen zurück ins Tertiär, in ein Erdalter, in dem "Gott Zufall" den Menschen noch nicht geschaffen hatte. Während Tobias im Tertiär die Gefährten mit seinem Fanatismus nervt, liegt er zugleich in der Jetztzeit fossiliert im Gestein. In der Grube Messel bei Darmstadt wird er - oder das, was umrißhaft von ihm übrig ist - von einem Paläontologen beim Röntgen einer Schieferplatte entdeckt. Ein Mensch in der Grube von Messel? Ein Mensch mit Armbanduhr und eingepflanztem Schmuckdiamant im Zahn? Unmöglich. Der Darmstädter Forscher verliert den Kopf und fast auch den Verstand.

Dafür hat Bernhard Kegel gesorgt. Während in den Kinos die Leute vor Spielbergs Sauriern zitterten, träumte er sich mit seiner Viererbande inklusive Dackel literarisch in jene Zeit zurück, als in einem bis heute nicht geklärten Evolutionsschub aus mausähnlichen Insektenfressern "plötzlich" Wale wurden. Das Ergebnis, ein "Evolutionsroman " mit dem Titel "Das Ölschieferskelett", ist gerade erschienen.

Brontotherien, Schaufelzähner, Riesenvögel, Wale? Im "richtigen Leben" beschäftigt sich Kegel mit kleineren Tieren. Der Biologe, der über die "Nebenwirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf Bodentiere" promoviert hat, ist Entomologe. Spezialgebiet: Käfer. Und von denen gibt es ungefähr 350.000 Arten, knapp 6.000 davon in Mitteleuropa. Man kann sich also "ausrechnen", womit Kegel es zu tun hatte, als er bis Ende letzten Jahres innerhalb eines Senatsprojektes zur Bestandsaufnahme westberliner Naturschutzgebiete für die Laufkäfer zuständig war.

Was bringt einen promovierten Biologen und Käferforscher dazu, einen Roman über eine Zeitreise ins 50millionste Jahr "vor Christus" zu schreiben? Ein Film. Die legendäre Reise in die Urwelt des tschechischen Regisseurs Karel Zeman von 1955. Mit leuchtenden Augen erzählt der 42jährige Kegel, wie er als westberliner Bub in einer "Professor Flimmerich" genannten DDR-Fernsehreihe wieder und wieder diesen Film gesehen hat. Auf die damals geweckte Neugier geht seine Faszination für die unendlich lange Geschichte des Lebens zurück. Eine Faszination, die ihn schließlich auch dazu brachte, den Versuch zu machen, mit literarisch unterhaltenden Mitteln etwas von dieser langen Geschichte zu erzählen, von der selbst Spezialisten gewissermaßen nur Sekundenbruchteile kennen. Warum also nicht die klassische Idee der Zeitreise auf die Evolution übertragen? Und so liegt Tobias eben im Ölschiefer von Messel, während er gleichzeitig durch den Dschungel der Urzeit streift. Den Diamanten im Schneidezahn übrigens, durch den das Messeler Fossil schließlich als Tobias identifizierbar wird, hat sich Kegel bei einem Freund abgeguckt.

Während bei Karel Zeman vier Jungs durch die Erdalter reisen, geht es bei Kegel quotierter zu: zwei Studenten, eine Studentin, ein Dackel. Was das vierblättrige Unglückskleeblatt so durchstehen muß, soll hier nicht ausgeplaudert werden. Auch nicht, ob sie alle vier wieder zurückkehren in die Gegenwart. Jedenfalls gibt es Tote. Und Liebe gibt es auch, eher nebenher zwar, aber nicht ohne die gewohnten Folgen. Die Höhle übrigens dürfte nach Kegels Roman-Showdown nicht mehr zu finden sein. Der Wissenschaftler weiß, was Wissenschaftler anzurichten bereit sind, um der Natur ihre Geheimnisse zu entreißen. Mit Gewalt, wenn es sein muß. Also wird der Eingang zur Urzeit von Kegel wieder verschlossen, damit den Grabräubern der Vergangenheit erst gar keine Chance bleibt. Nicht auszudenken zum Beispiel, welch hübsche Freilandversuche unsere Genforscher auf diese Weise anstellen könnten. Zurück in die Urzeit, ein Experiment gemacht, und in der Gegenwart nachgeguckt, was dabei herausgekommen ist. Genau diese Gefahr droht im Roman...

... in der Wirklichkeit freilich haben die Genetiker Zeitreisen und ähnlich romantische Veranstaltungen gar nicht nötig. Da heißt die Relation nicht Vergangenheit-Gegenwart, sondern Gegenwart-Zukunft. Wir brauchen nur noch ein bißchen zu warten, um zu erfahren, wie sich das Wunder der Schöpfung mit seinen eigenen Schöpfungswundern Probleme macht. Aber das ist eine andere Geschichte. Von der hat Kegel in seinem 1993 erschienenen Erstlingsroman Wenzels Pilz erzählt.

Bernhard Kegel ist nicht der erste Schriftsteller, der von der Zauberwelt sogenannter niederer Lebewesen fasziniert ist. Aber im Unterschied zu dem leidenschaftlichen Schmetterlingssammler Vladimir Nabokov, der zahlreiche Arten entdeckt, beschrieben und benannt hat; und im Unterschied zu Ernst Jünger, der den einen berühmt, den anderen berüchtigt ist für seine "subtilen Jagden", ist Kegel ein "Gelernter", ein ausgebildeter Profi eben. Anders als Nabokov oder Jünger, mit denen Kegel nicht verglichen werden kann - und natürlich auch nicht will -, kommt er von der Biologie und geht in Richtung Literatur. (Ganz nebenbei gesagt ist das überhaupt ein guter Weg in die Schriftstellerei: erst arbeiten, dann schreiben.)

Und dazwischen liegt noch die Musik. Kegel ist nicht nur souverän am Käferkasten, sondern auch an der Gitarre. 1990 gründete er mit Sebastian Hilken und Mila Morgenstern die Gruppe Animato, die vor knapp zwei Jahren eine CD präsentiert hat, auf der klassische, folkloristische und Weltmusik-Töne mit Jazzläufen zusammenklingen. Außerdem spielt Kegel in der uTe kA Band, von der in diesen Tagen die CD Cosmopolitan auf den Markt kommt.

Manchmal dauert es ein bißchen, bis die Menschen zur Vernunft kommen. Beispielsweise gab es einen aufreibenden Streit darüber, ob man aus der Grube Messel die fossilen Überreste der Urzeit herausholen oder die Überreste der Gegenwart hineinschütten solle. Hätten sich die Müllkipper durchgesetzt, und viel hat dazu nicht gefehlt, wäre einer der beiden Hauptschauplätze von Kegels Roman heute unter dem Dreck verschwunden. So aber fliegen im Schiefer weiter die Fledermäuse.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1.3.1996

Coladosen im Tertiär
Große Sprünge: Bernhard Kegel schreibt den Ölschiefer-Roman

Von Reinhard Wandtner

Für den Paläontologen Dr. Axt könnte der Schock nicht größer sein. Tag für Tag durchstöbert er den Ölschiefer der Grube Messel auf der Suche nach neuen Fossilien. Doch das Relikt aus Urzeiten, das die weltbekannte Fundstätte unweit von Darmstadt diesmal preisgibt, bringt den Wissenschaftler zur Verzweiflung. Eingebettet in den Ölschiefer, finden sich die fossilen Überreste eines Menschen. Kein Zweifel, dieser Fund lag genauso lang in der Grube wie all die Fledermäuse, Fische, Krokodile und anderen Fossilien - knapp fünfzig Millionen Jahre.

Störend, und zwar gewaltig störend, ist freilich, daß es zu jener Zeit mit Sicherheit noch keine Menschen gab. Das ist schlicht einige Dutzend Millionen Jahre zu früh. Wenn etwas unmöglich ist, macht es eigentlich nicht viel aus, wenn noch etwas Unmögliches hinzukommt. Im Gegensatz zum Leser wundert sich Dr. Axt dennoch darüber, daß zu jenen Urzeiten, im sogenannten Eozän, offenbar auch schon die Zünfte der Zahnärzte und Uhrmacher floriert haben. Das Skelett hat jedenfalls ein mit Metallkronen saniertes Gebiß und trägt eine Millionen Jahre alte Armbanduhr.

Immer schon wollte man gerne wissen, was Wissenschaftler eigentlich machen, wenn sie an der Wissenschaft verzweifeln. Bernhard Kegel, der unverfroren genug ist, dem Leser eine derart haarsträubende Story aufzutischen, läßt Menschliches zutage treten. Erleichtert darf man zur Kenntnis nehmen, daß Dr. Axt nichts Besseres einfällt als anderen Menschen auch: Er gibt sich dem Suff vor dem Fernseher hin. Damit hat zumindest der eine Romanheld schon die Herzen der Leser erobert, zumal er, wie ein späterer Blick in sein Innerstes zeigt, auch volkstümlich denkt: "Kneif deine faltigen Arschbacken zusammen." Kein Zweifel, Dr. Axt ist ein guter Mensch. Das gleiche gilt für die Biologiestudenten Micha und Claudia. Er trinkt gern Bier und raucht, sie, obwohl robuste Kugelstoßerin, schmilzt in seiner Nähe dahin, wobei der weiche Flaum auf ihren Armen und Beinen golden funkelt.

Das Buch über das Skelett im Ölschiefer ist ein Roman. So steht es auf dem Umschlag. Wer nicht mehr genau weiß, wie diese Literaturgattung in der Schule definiert wurde, erinnert sich schlagartig. Man findet parallele Handlungen, die doch irgendwie miteinander zu tun haben, es werden Ausschnitte aus dem Leben mehrerer Personen präsentiert, und vor allem handelt es sich um ein dickes Buch. Ja, so muß ein Roman sein.

Natürlich kommen auch böse Menschen darin vor. Da ist zum einen der häßliche, hinterhältige Tobias, dessen abstoßender Charakter durch einen Diamanten im schiefen Schneidezahn gekrönt wird. Tobias ist der Urheber des Schlamassels im Ölschiefer. Ohne ihn wäre dieses Buch wohl nicht geschrieben worden, und daher zieht er den besonderen Zorn des Lesers auf sich. Niemand wird den Roman zur Seite legen, ehe er sich nicht sicher sein kann, daß Tobias und sein Skelett endgültig erledigt sind.

Als böse muß auch das Gespann Professor Sonnenberg/Ellen gelten. Er, der alte Geiferer und Lüstling, ist gewissermaßen der Dr. Mabuse der Paläontologie, ein Gefangener seines Faches, der sich schließlich die Kugel gibt. Seine Assistentin Ellen dagegen, schon wegen ihrer Schönheit verdächtig, entpuppt sich als durchtriebenes Miststück. Sie ist eine Prostituierte der Wissenschaft, die sogar unschuldige Insekten der Urzeit vergiftet. Es geschieht ihr recht, daß sie zusammen mit Tobias schließlich im Morast des Tertiärs erstickt.

Die Grube Messel ist zweifellos ein Juwel unter den Fossillagerstätten. Die im Ölschiefer eingeschlossenen Funde sind mitunter phantastisch gut erhalten und gewähren unvergleichliche Einblicke in eine längst vergangene Welt. Daß Bernhard Kegel seine Leser des öfteren durch dieses Fenster in die Vergangenheit schauen läßt, sei ihm hoch angerechnet. Doch sobald man sich mit Urpferdchen und Ameisenbär anfreunden will, tauchen wieder Tobias oder andere Gesellen auf und verstellen den Blick. Dadurch verkommt die Biologie zum schmückenden Beiwerk.

Vielleicht können aber Chronobiologen von der Lektüre profitieren, denn natürlich kommen auch die aus Film und Fernsehen bekannten Zeitreisen vor. Der Reihe nach paddeln Helden und Schurken durch eine Höhle in der Slowakei, wo die Zeit offenbar stehengeblieben ist. Endlich erfahren wir, was wir immer schon über Zeitsprünge wissen wollten: Die Wände und die Decke scheinen auf einen zuzukommen, scheußliche Kopfschmerzen stellen sich ein, doch ehe das Verlangen nach Aspirin übermächtig wird, ist man um Millionen Jahre verjüngt.

Die Zeittouristen aus der Gegenwart benehmen sich recht ungebührlich. Zum einen sollte man im Tertiär schon eine gewisse Kleiderordnung einhalten und nicht respektlos im T-Shirt herumlaufen. Zum anderen ist es schändlich, die leeren Coladosen wegzuwerfen, statt sie dem Recycling zuzuführen. Auch die Umgangsformen lassen zu wünschen übrig. Es gehört sich einfach nicht, einen gerade im Tertiär angekommenen Reisenden mit " 'n Abend" zu begrüßen. Man ist daher recht erleichtert, als schließlich an den Gestaden jenes eozänen Sees, aus dem die heutige Grube Messel hervorgegangen ist, der unvermeidliche Showdown stattfindet.

Bevor es soweit ist, sind freilich etliche Ausflüge in die Stammesgeschichte zu absolvieren, denn das Buch soll den Leser auf den neuesten Stand evolutionärer Erkenntnis bringen. Es führt aber eher zu der Überzeugung, daß das heutige Biologiestudium dringend reformiert werden muß. Wie sonst könnte Micha, obwohl schon höheren Semesters, an einer derart hausbackenen Evolutionstheorie herumbasteln? Nicht der Tüchtigste überlebt demnach, sondern derjenige, der am meisten Glück hat. Dabei ist doch klar, daß die Selektion ganz anders erfolgt. Das beweist auch der Roman. Während die Bösen ihr Leben aushauchen und somit in der Sackgasse der Evolution enden, bleibt das Gute bestehen und pflanzt sich, wie Micha und Claudia zeigen, erfolgreich fort.

Der Band "Das Ölschieferskelett" zählt zu den günstigen Büchern. Zum Preis von einem erhält man zwei - einen Roman von der Stange, dem die Stiftung Warentest vielleicht sogar das Qualitätsurteil "gut" verleihen würde, sowie ein Sachbuch, das allerdings kommentierungsbedürftig ist. Schade, daß der Roman durch die Exkursionen in die Wissenschaft heillos zerstückelt wird und das Sachbuch -unter der unmöglichen Handlung des Romans leidet.

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