Der Rote

Buchumschlag: Das Ölschieferskelett
Der Rote
Roman, 544 Seiten
marebuchverlag, Hamburg 2007

Über den Umgang mit Tatsachen

Wenn Sie "Der Rote" gelesen haben, wird es Sie nicht überraschen, wenn ich mich als großer Fan dieser Tiergruppe oute. Im besten Fall teilen Sie jetzt meine Begeisterung und wollen mehr über diese Tiere erfahren. (Falls Sie das Buch noch lesen wollen oder mittendrin stecken, sollten Sie sich das Folgende erst ansehen, wenn Sie die Lektüre hinter sich haben.)

Manches, was im Buch über Cephalopoden berichtet wird, mag seltsam, ja, unwahrscheinlich, klingen. Meine Darstellung dieser faszinierenden Tiere hält sich aber eng an die Tatsachen. Mit zwei Ausnahmen: Das kollektive und synchrone Leuchten der Kalmare, das Hermann Pauli am Peketa Beach so begeistert, ist - leider - reine Erfindung. Mir ist nicht bekannt, dass etwas Ähnliches je beobachtet oder beschrieben worden wäre, aber die Vorstellung gefiel mir so gut, dass ich nicht widerstehen konnte. "Der Rote" ist ein Roman und in einer fiktiven Geschichte muss es erlaubt sein, der Phantasie den Vorzug vor der Faktenliebe zu geben, zumal ich ja geständig bin und das, was ich erzähle, nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, sondern sich an bekannten Tatsachen entlanghangelt. Es ist vorstellbar, wenn auch vielleicht nicht sehr wahrscheinlich. (Das Gleiche gilt im Übrigen auch für das Verhalten des Roten. Wie sich ein solches Tier in der geschilderten Extremsituation verhalten würde, weiß kein Mensch, also muss und darf man es sich ausdenken.) Die Biolumineszens der Kopffüßer dient vermutlich nicht nur der Tarnung durch "Gegenbeleuchtung", wie im Buch geschildert, sondern auch dem Beuteerwerb, der Partnerfindung und der Kommunikation, z.B. um größere Gruppen zusammenzuhalten.

Zudem bin ich zuversichtlich, dass man mich nie widerlegen wird. Der Teil der Tiefsee, der genau untersucht wurde und über den man in etwa so gut Bescheid weiß, wie über die Ökosysteme über Wasser, ist nicht größer als ein paar Fußballfelder. Da unten dürfte sich so einiges abspielen, von dem wir bislang nicht die geringste Ahnung haben. (Ich halte es allerdings für sehr unwahrscheinlich, dass dazu auch die Existenz einer zweiten irdischen intelligenten Spezies gehört.)

Der zweite Punkt, in dem ich übertrieben habe, betrifft das Leuchten gefangener Tiere. Es dürfte zu den seltenen Glücksmomenten eines Tiefseecephalopodenforschers gehören, wenn mit dem Schleppnetz an die Oberfläche geholte Tiere sich als unversehrt und vital erweisen. Dass sie aber nach überstandener Fangtortur in einem Aquarium noch dreißig oder gar sechzig Minuten lang in voller Pracht erstrahlen, wie es Raymond an Bord der Otago erlebt, ist sehr unwahrscheinlich.

Die Moby-Klick-Gruppe existiert tatsächlich. Alles, was im Roman über die Pottwale von Kaikoura berichtet wird, ist ihren Publikationen entnommen oder wurde mir im persönlichen Gespräch erzählt.

Noch eine letzte Klarstellung: Man kann den Farbwechsel und das erstaunliche Tarnvermögen der Kopffüßer gar nicht genug preisen. Wer einmal das Glück hatte, balzende Sepien zu erleben, wird das nie vergessen, und es grenzt tatsächlich an ein Wunder, wie Kraken sich in Sekundenschnelle ihrer Umgebung anpassen. Allerdings ist diese Fähigkeit nicht bei allen Arten in gleicher Weise ausgeprägt. Für Tiere, die in tieferen Wasserschichten leben, in die sich kaum ein Lichtstrahl verirrt, macht Tarnung durch Farbanpassung keinen Sinn und wurde deshalb aus Energiespargründen aufgegeben. Diese Tiere sind oft durchsichtig, besitzen nur wenige, fleckenartige Farbzellen oder sie sind, wie der tierische Held meiner Geschichte, tief rot, besitzen also nur (oder fast nur) rote Chromatophoren.

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